Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums im Schwulen Museum Berlin



Berlin. Aus einer postkolonialen Perspektive heraus nimmt die künstlerisch-forschungsbasierte Ausstellung Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017 erstmals Archivbestände und die Geschichte des Schwulen Museum * Berlin in den Blick. Die Ausstellung lädt ein zum Nachdenken über problematische Zusammenhänge zwischen der musealen Darstellung von Gays und den Darstellungsweisen der Ethnologie im Kontext des europäischen Kolonialismus. Odarodle präsentiert Arbeiten von 16 Künstler*innen, die größtenteils in Berlin leben, darunter zehn speziell für die Ausstellung entwickelte Kunstwerke. Das Museum selbst, seine Arbeit und das Archiv bieten sich als ästhetisches Medium an und liefern gleichzeitig zahlreiche Recherchematerialien, die die jeweiligen zeitgenössischen Positionierungen ermöglichen.

Odarodle dreht das Wort 'Eldorado' bewusst um. Dabei bezieht Eldorado sich auf drei unterschiedliche Ursprungsgeschichten: eine zeitgeschichtliche Ausstellung, einen legendären Nachtclub und einen kolonialen Mythos. Auch wenn die Selbstverpflichtung des Schwulen Museums*, die Sichtbarkeit von LGBTIAQ* zu ermöglichen, seiner politischen Agenda angemessen ist, erfordert diese Aufgabe konstante Überprüfung und Reflexion. So möchte Odarodle das für die Moderne grundlegende Verfahren, Lebensweisen, Körper und Lebensräume zur Schau stellen zu wollen, kritisch hinterfragen. Denn hier trifft der Wunsch ethnographischer Museen, Un_Sitten von 'Völkern' und ihre vermeintliche Natur ausstellen zu müssen, auf postkoloniale Infragestellungen: als historisch geschaffener Schauplatz, der versucht das Wesen des sogenannten 'Anderen' darzustellen und damit das 'Andere' als normative Konstruktion aufrechterhält.

Der Ausgangspunkt des Projekts ist die Ausstellung Eldorado: Gay Frauen und Männer in Berlin 1850-1950 – Geschichte, Alltag und Kultur, die 1984 im damaligen Berlin Museum in West-Berlin eröffnete und vom Schwulen Museum* als institutioneller Anfang betrachtet wird. Ausgehend von rechtlichen, medizinischen und literarischen Diskursen über die 'Natürlichkeit' von Sexualitäten und das gleichgeschlechtliche Begehren als „Identität“, legte die Ausstellung Eldorado ihren Fokus auf das kulturelle und soziopolitische Klima der 1920er und 30er Jahre in Berlin. Dokumente, Fotographien, Stiche und Gemälde wurden in Vitrinen und auf thematisch angeordneten Tafeln ausgestellt, während mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen eine Umgebung erschaffen wurde, die eine 'reale' Atmosphäre vermitteln sollte – das Boudoir für schwule Männer*, das Café für Lesben*, die Cruising Area im Tiergarten.

Der Titel der Ausstellung bezog sich auf das berühmte Kabarett Eldorado, das als erstes seiner Art 1926 in der Martin-Luther-Straße in Berlin eröffnete und ein zweites Lokal 1928 an der Ecke Motzstraße-Kalckreuthstraße gründete. Bekannt war der Nachtclub für seine extravaganten 'Travestieshows', in denen gay Männer* als Frauen* verkleidet auftraten. Das Eldorado galt als gay und politisch diverser Begegnungsort, an dem Ortsansässige und Zugereiste zusammen kommen und feiern konnten. Das Lokal wurde zur symbolischen Heimat queerer Einwohner*innen Berlins, die wenig später mit der Machtergreifung der Nationalsozialist*innen jedoch als 'entartet'-als widernatürlich-galten.

source - author : Gaybars.eu

 

Ausstellung 21. Juli 2017 - 16. Oktober 2017
Odarodle - Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017 , im Schwules Museum Berlin




       

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